Spirituell-Sein: Fragen & Antworten

Frauen und Männer, die ich auf ihrem spirituellen Weg begleiten darf, kommen oftmals mit konkreten Fragen. Hier findet sich eine kleine Auswahl mit Antwortversuchen von meiner Seite, gebildet aus meiner Erfahrung, meiner jetzigen theologischen Sichtweise und letztlich meinem Bild von Spiritualität, Welt und Mensch. Ich lade herzlich ein, zu kommentieren und mit mir in Austausch zu treten! Freilich können Sie auch schreiben, wenn Sie eine Frage haben, Sie etwas bewegt, Sie meine Meinung interessiert: sabine.petritsch@gmail.com
Hinweisen möchte ich auf die Möglichkeit ,Geistliche Begleitung in Anspruch zu nehmen, wenn man spürt, Spiritualität gewinnt mehr an Raum und Fragen.

Worauf muss ich achten, wenn ich eine geistliche Begleiterin/einen geistlichen Begleiter, für eine Begleitung anfrage?

Ich bin auf der Suche nach jemanden, der mich geistlich begleitet. Ich glaube, es würde mir guttun. Ich habe das schon einmal in meiner Ausbildung kennen gelernt, aber da konnte ich mich nicht wirklich einlassen. Ich dachte, ich frage Sie, was würden Sie empfehlen, worauf ich achten soll, bevor ich jemanden auswähle?

Gar keine einfache Frage. Ein Kriterium haben Sie selbst genannt, ein Gegenüber, bei dem Sie sich einlassen können, in meinen Worten: wo Sie Vertrauen haben, und Sie sich zeigen können und dürfen.
Worauf sollten Sie achten? Wie viel lässt sich an allgemeinen Kriterien wie Ausbildungen etc., die wertvoll sind, letztlich festmachen, ob es zwischen zwei Menschen eine tragfähige Beziehung der Begleitung entsteht? Geistliche Begleitung ist ein Beziehungsgeschehen, wobei eine Person aufmerksamer hört, sich mit den erlebten Erfahrungen und Theologie zur Verfügung stellt, den Horizont zu Gott hin offenlässt und der anderen überlässt, was sie für sich nimmt.
Üblicherweise gibt es ein Erstgespräch, danach entscheiden sich beide, Begleiter/in und zu Begleitete, ob das zwischen ihnen passen könnte. Wenn ich zum ersten Mal bei jemanden in geistlicher Begleitung bin, horche ich aufmerksam auf folgendes hin (auch bei den Treffen danach!) – vielleicht ist Ihnen das eine Hilfe:

  • Von welchem Gottes- und Kirchenbild ist die Person geprägt, und in welcher spirituellen Tradition ist sie beheimatet?
  • Wie erlebt und gestaltet sie die Beziehung zum Göttlichen – sagt sie etwas darüber? Erlebe ich sie als einen spirituellen Menschen? Was hat mich hingezogen, mich zu ihr zu wenden?
  • Fragt sie mich aus? Bohrt sie nach, obwohl ich signalisiere, ich möchte das nicht?
  • Wer von uns hat mehr Redeanteil?
  • Bietet sie mir Bilder/Stellen/Metaphern etc. an, und ich darf frei wählen, welches ich nehme oder aber spüre ich innerlich einen Druck/das ist richtig etc.?
  • Tut sie so, als würde sie alles von mir wissen und kennen – vielleicht sogar mehr als ich?
  • Mache ich etwas für den/die BegleiterIn, obwohl ich das nicht will?
  • Hat sie Humor? Kann sie auch über sich lachen?
  • Lässt sie sich (von mir) korrigieren? Fragt sie nach meiner Meinung?
  • Bietet sie mir weitere, auch gegenteilige Möglichkeiten und Optionen zu meinen an, um neue Sichtweisen zu erhalten?
  • Ist sie transparent in der Begleitung und fragt nach meinem Einverständnis z.B. Ich habe einen Vorschlag, versuchen wir das einmal so, ist Ihnen das recht etc.
  • Gibt sie Auskunft darüber, was sie nicht weiß?
  • Kann sie mir ein ehrliches Gegenüber sein, das auch andere Gottesbilder einbringt, aber nicht darauf beharrt?
  • Ist es klar, dass es Geistliche Begleitung ist und kein anderes Setting?
  • Spüre ich in ihrer Gegenwart, dass es gut ist, wie ich bin?
  • Spüre ich nach der Begleitung mehr Freiheit oder Unfreiheit? Mehr Weite oder Enge? Und kann ich auch darüber ehrlich mit der/dem Begleiter/in sprechen?

Je mehr ich nachdenke, desto länger die Liste, die Ihnen Anregung sein soll, wie Sie zu den Kriterien kommen, die Ihnen wichtig sind. Wichtig erscheint mir, sich selber zu vergewissern, Sie sind ExpertIn ihres Lebens und auch in der Beziehung zu Gott! Sie werden von Gott begleitet und wandeln im Segen des Göttlichen. Geistliche Begleitung kann bestenfalls mit ihnen staunen, auch klagen und weinen, suchen und mit Ihnen erkunden, wie Gott überraschen und zu mehr Lebendigkeit führen will. Ich wünsche Ihnen, dass Sie dabei eine/n für Sie passende/n Begleiter/in an ihrer Seite wissen!

Wie geht das mit der Dankbarkeitspraxis?

Auf Anraten meiner Mutter habe ich an einem Wochenende teilgenommen, an dem es um spirituelle Dankbarkeitspraxis mit Stilleelementen gegangen ist. Als berufstätige Alleinerziehende von zwei Kindern wollte ich mir diese Zeit für mich gönnen. Dankbarkeit ist mir ein Anliegen, weil ich denke, es täte mir gut, aber statt Dankbarkeit zu fühlen, habe ich mich geärgert. Geärgert über die anderen in der Gruppe. Wenn ich keinen Schicksalsschlag erlitten habe, in einem Häuschen im Grünen wohne, mein Partner mich finanziert, dann kann ich doch leicht dankbar für jeden Grashalm sein, der sich der Sonne entgegenstreckt. Und aus lauter Dankbarkeit sollte ich dann auch die Welt retten, nur mit dem Rad fahren, alles Bio kaufen etc. und belehre alle, die das nicht können. Wie eben mich. Ich habe keinen supertollen Partner (auch nach der Trennung keinen gefunden), ich habe einen mittelmäßigen Job, der uns zumindest das Leben finanziert, leben in einer kleinen Wohnung ohne Garten, ja nicht mal eine Blumenkiste haben wir. Aber auch dafür sollte ich dankbar sein, fühle es nur nicht. Eigentlich weiß ich nicht, warum ich Ihnen schreibe. Ich möchte dankbar sein, das spüre ich, aber ich kann es einfach nicht. Gibt`s einen Rat? (Fragestellung wurde gekürzt)

Möglicherweise hatte das Gefühl der Dankbarkeit und der Freude noch keine Chance, weil Sie sich schlichtweg so geärgert haben. Ich habe mich sofort an eine erlebte Episode erinnert, in einem Gespräch unter Nachbar*innen hat einer der Gesprächspartner*innen plötzlich gesagt, mit der Hand auf die Wohnungsblöcke, kleinen Einfamilienhäuser und Reihenaussiedlungen deutend – „wie die alle leben, da hat mein Hund ja mehr Platz innen und draußen herum.“ Mit „die“ war auch ich gemeint, die weder hunderte Quadratmeter Wohnfläche noch tausende Quadratmeter Park zur Verfügung hat. Ein eigenartiger Mix unterschiedlicher Gefühle hat sich in mir eingestellt: Wut, Ärger, Unwohlsein etc., da wäre auch über meine Dankbarkeitspraxis ein riesiger Schatten gelegt worden.
Scheinbar aber, so habe ich den Eindruck, dass das Wochenende es nicht geschafft hat, Sie zur existentiellen Form des Dankbarseins zu begleiten, oder zumindest einen Raum dafür zu eröffnen, die erhaben ist über allen Besitz, alles Haben der Welt, ja sogar der Umstände.
Und nein: Man kann für Kriege nicht dankbar sein, für Schicksalsschläge, totgeborene Kinder, schwere Krankheiten, Mobbing etc. auch nicht! Das wäre purer Zynismus, dagegen verwehre ich mich sehr!
Und doch gibt es in den feinen Poren unseres Seins die Erfahrung, dass es in Schwingung gehen kann mit einer tieferen Dankbarkeit oder Segensgabe, wie ich gerne Dankbarkeit nenne. Diese Dankbarkeit/Segensgabe bleibt meines Erachtens sehr bei sich und setzt sich keinen Vergleichen aus. Ich habe mir persönlich mit Dankbarkeit auch sehr schwergetan, als ein lieber Freund einmal sagte, ja, dann denk halt dran, womit du alles gesegnet bist – und da hab ich es innerlich kapiert! Auf einmal ging mir ein Licht auf! Ja, es gibt viel Segen in meinem Leben, auch wenn es viel Schweres gibt. Segen macht alles, wofür ich nicht dankbar sein kann, nicht weg, es belässt es. So ist eine meiner beliebten Übungen, mich zu erinnern, wie gesegnet ich mit Gaben bin, die ich mir nicht erworben und auch nicht verdient habe. Die Gabe atmen zu können ist ein Segen mich dadurch mit allem Lebendigen verbunden zu wissen; die Gabe eines guten Buches ist ein Segen, dass es mir in die Hände gefallen ist; die Gabe zu lachen, ein Segen, dass Lachen ansteckend ist; die Gabe gut zu schlafen, ein Segen sich so lebendig zu fühlen etc. Übung bleibt es dennoch, täglich oder jeden zweiten Tag, oder einmal in der Woche auf die „Gaben“ zu schauen, auf den Segen, der mir zuteilgeworden ist und wird – und ganz plötzlich stellt sich in mir eine Freude ein, die frei ist vom anderen Haben… Genau diese Erfahrung wünsche ich Ihnen. Und dann, dass Sie dieses erlebte Wochenende möglichst bald abschließen. Mögen Sie erhobenen Hauptes weitergehen.

Spirituelle Praxis mit Muttersein vereinbaren geht das?

Unser Kind ist fünf Monate alt. Mein Mann und ich sind sehr katholisch und uns war das gemeinsame Gebet zwei Mal am Tag immer sehr wichtig. Jetzt mit dem Kind ist es mir fast nicht möglich, ich komme fast gar nicht zum Gebet. Mein Mann schon. Er kann seine Zeiten einhalten. Ich überhaupt nicht. An Exerzitien oder so denke ich gar nicht. Mein Mann möchte auch, dass ich mit dem Kind in den Sonntagsgottesdienst gehe, das mich aber sehr stresst. Ich gehe hin, bin aber nicht mehr mit dem Herzen dabei so wie früher. Dabei ist mir der Glaube sehr wichtig. Haben Sie Tipps für mich?

Ich gratuliere Ihnen zu Ihrem Baby! Und so ein kleines Leben wirbelt den Rhythmus eigenen Lebens ganz schön durcheinander – das betrifft auch festgesetzte Gebetszeiten, die man einmal hatte. Die Prioritäten verschieben sich, und nun steht das kleine Kind im Mittelpunkt. Aus eigener Erfahrung kann ich Ihnen erzählen, seit ich ein Kind habe, habe ich sooft meine Meditationszeiten und Orte des Rückzugs variiert, wie nie zuvor! Als Geistliche Begleiterin habe ich oft geraten, suchen sie sich eine gute passende Zeit und Ort und bleiben sie dem treu – oh, wie oft ich diesem Grundsatz untreu geworden bin, und wie ich rückblickend über mich lächle und schmunzle!  Vielleicht wird das mit größeren Kindern wieder möglich, aber mit einem Kleinkind gelten meiner Meinung nach, ganz andere Gesetze: Flexibilität, Nachsicht mit sich selber, Humor, Gelassenheit, Geduld, getragen von der Einsicht, es wird nicht mehr wie früher, das ist tatsächlich und wirklich vergangen.
Der „Alltag“ ist mir bedeutender geworden und diesen kontemplativ zu erleben – was ich gerade in den ersten Monaten meines Kindes wahrgenommen habe. Die starke Reduktion auf das Kind und mich – als das Kind doch noch längere Schlafphasen tagsüber gebraucht hat, die Stille, die wenigen Besuche etc. – hatte einen inneren Rückzug ermöglicht. Freilich ändert sich das wieder.
Beispiele kann ich Ihnen geben, die in meiner Umgebung versucht werden, die eigene Glaubenspraxis mit Kind zu verbinden, vielleicht ist da eine Anregung für Sie dabei:
Wenn der Mann ebenso eine spirituelle Praxis verfolgt (auch für ihn darf sich ein bisschen was in seiner Gebetskultur ändern), haben sich Paare abgestimmt, wer, wann das Kind versorgt und meditiert. Das hat vielen Frauen erlaubt zur Ruhe zu kommen.
Wenn Sie den Sonntagsgottesdienst besuchen und dieser Sie so stresst, dann ist die Frage, ob Sie sich abwechseln, eine/e besucht die Vorabendmesse ohne Kind und der/die andere den Sonntagsgottesdienst. Manchmal ist das Kind vielleicht auch ruhiger, dann ist ja eine Feier des Gottesdienstes mit Kind möglich.
Wenn das Kind größer ist, erweitert sich auch der Raum des gemeinsamen Betens und Feierns, wie auch Stille-Zeiten nur für sich wieder mehr möglich werden.
Die Schlafzeiten des Kindes entweder für den eigenen Schlaf nützen, oder fürs Gebet – das war und ist meine „Strategie“. Wenn ich tagsüber müde war, habe ich versucht zu schlafen, und habe um einen tiefen, reichen Schlaf gebeten, war ich munter, habe ich meditiert. „Mein Ort“ hat sich reduziert auf Kerze, Bibel, Klangschale, Schemel – die habe ich flexibel hin und her getragen, je nach Ort in der Wohnung, der gerade möglich war. Manchmal musste auch der Schemel genügen…
Das Herzensgebet auch untertags im Herzen mitzutragen in den alltäglichen Handlungen von Mahlzeiten zubereiten, stillen, Wäsche waschen etc. hat mir neue Dimensionen erschlossen, die ich nicht missen möchte. Schließlich und endlich ist es das Kind selbst, das lehrt – Liebe und Hingabe, eine neue Weise die Heilige Schrift zu deuten, die Erfahrung des Hier und Jetzt, die Bedeutung der Präsenz, das Vertrauen, das Staunen und das ganz Ursprüngliche. Ein Freund von mir hat entdeckt, die Annahme des konkreten Kindes ist „Kommunion“ –  Kinder sind Träger des Gottesreiches „und wer ein solches Kind um meinetwillen aufnimmt, der nimmt mich auf.“ (Mt 18,5)
So wünsche ich Ihnen, dass Sie mit Ihrem Kind Ihren Weg finden – und eine große Portion Gelassenheit, Humor und Geduld!

Werden Sie heuer Impulse zum Advent online stellen oder mir welche empfehlen? Ich bin Christin und habe Internetzugang. Mit Stille bin ich vertraut und gut christlich katholisch aufgewachsen.

Nein, auch heuer entschied ich mich dazu, keine regelmäßigen Adventimpulse zu gestalten. Es gibt ohnehin so viele Initiativen und Wahlmöglichkeiten, egal ob als Kalender, Buch oder auch online. Fragen Sie auch in Ihrer Heimatdiözese nach, viele engagierte Menschen bereiten Impulse vor. Eine kleine Auswahl von meiner Seite finden Sie hier:

https://www.dioezese-linz.at/dekanat/3207/unserangebot/veranstaltungen/article/191796.html

https://www.erzbistum-muenchen.de/adventskalender/besinnung-im-advent/102987

https://www.online-exerzitien.org/

https://www.elk-wue.de/news/2020/19112020-advent-online-digitale-impulse

https://advent-online.de/

https://www.drs.de/dossiers/kirchenjahr/weihnachten/advent.html

https://www.impuls-ao.de/adventszeit/

Eine gute Zeit des Advents!

Wer freut sich über die ausgerufene Synode?

Ich bin ein aufmerksamer Mensch, der sich in der Kirche da und dort engagiert. Freude über Papst Franziskus habe ich und Freude, dass er eine Synode ausgerufen hat! Ich habe gehofft, dass sich auch die „Oberen“ freuen, die in den Zentralen arbeiten, die in der Kirche angestellt sind, ja, vielleicht auch der eine oder andere Pfarrer und der eine oder andere Bischof (ich bin schon realistisch mit den Jahren geworden). Ich habe große Sorge, dass hier wieder einmal eine Chance der Veränderung vorübergeht. Oder verstehe ich Synode falsch? Nun meine Frage an Sie: Sie sind auch angestellt, wenn ich richtig vernehme, wie schätzen Sie die Lage ein? Hat das nicht auch mit Spiritualität zu tun? Wer will eigentlich die Synode? Freut sich darüber jemand – und wo bleibt das Feuer? Oder müssen wir uns abfinden mit der Kirche, wie sie ist?
Wer freut sich über die Synode? Ich!
Ich finde es wichtig, sich neu die Frage zu stellen, wie wir tatsächlich ein gutes Miteinander schaffen und auch gemeinsame Entscheidungen verantworten, die weniger von autoritärer Macht als von Autorität getragen werden, und wie unsere Strukturen dies auch ermöglichen. Mir gefällt der Gedanke sehr! Freilich, nicht einfach. Wenn ich die Lupe auf „scharf“ stelle und die Details sehe, dann wird mir fast schummrig, weil ich sehe, welcher Weg da zu gehen ist und wie vielen Fragen wir uns stellen müssen. Ich spüre Neugier darauf, was alles werden könnte… Und ja, es ist ein zutiefst spiritueller Prozess und ich glaube, so sieht ihn Papst Franziskus auch. Und jeder, der mit spirituellen Prozessen vertraut ist, weiß auch, wie viel sie abverlangen. Neu werden ohne Einsatz, Konfrontation, Ehrlichkeit und auch Risiko geht vermutlich nicht.
Vielleicht spüren Sie richtig, ein bisschen Luft scheint fast draußen zu sein, wenn ich da und dort die zuweil wenigen Initiativen zur Synode sehe. Es scheint meiner Meinung nach Luft nach oben zu geben! Es ist zwar nicht zu entschuldigen, angesichts vieler Umstrukturierungsprozesse im deutschsprachigen Raum, den damit verbundenen Unsicherheiten und all dem, was noch an Herausforderung da ist, kostet eine nun ausgerufene weltweite Synode auch Kraft. Das kann hemmen. Es kann auch hemmen, weil man die gemeinsame Spur hinsichtlich der vielen Verschiedenheiten, manchmal auch Ideologien etc. nicht mehr ganz sieht und sich fragt, wie soll das gehen. Im deutschsprachigen Raum sind wir mit synodalen Prozessen auch nicht so ganz vertraut und noch dazu weltweit! Sie spüren, ich ringe, weil ich hoffe. Ich hoffe, dass die weltweite Kraft eine Dynamik in Gang setzt, die sich auswirkt – für alle, die die Synode ja auch anspricht, Papst Franziskus hat ja nicht nur den Binnenblick, sondern rät, vielen zuzuhören, denn der Geist weht wo er will… Ob wir uns abfinden müssen mit dem Status quo, dann bliebe sich die Kirche nicht treu, auch wenn manche die Synode nicht mittragen wollen, Er ruft die Kirche heraus und hat scheinbar noch was vor… Auch kleine Funken sprühen. Ich weiß nicht, in welcher Diözese sie sich engagieren, aber fragen Sie nach, was es für Hilfestellungen gibt, damit es synodaler werden kann! Wie kommen vor Ort pastorale Entscheidungen zustande – wer wird eingebunden, wer wird auf jeden Fall gehört etc.? Manchmal entpuppen sich auch Neustrukturierungen beim genaueren Hinschauen autoritärer als synodaler, und da kann die ausgerufene Synode auch dazu helfen, mit einem synodalen Blick auf die Struktur zu schauen! Vielleicht brauchen wir auch Zeit, um synodal zu denken, zu handeln und zu entscheiden, aber wenn das da und dort funktioniert, hoffe ich auf eine Strahlkraft, die mehrere anzieht. Bleiben wir ein bisschen dran, bitte tun auch Sie sich das an!

Weniger Grabenkämpfe, dafür mehr Einheit?

Ich schreibe Ihnen, weil mich diese Grabenkämpfe in der (röm. kath.) Kirche sehr stören. Es gibt immer Menschen, die mehr wollen, die nur kritisieren und nur von Stillstand sprechen. Ich glaube fast, die stehen selbst still. Ich kann mich in der Pfarre verwirklichen, noch viel mehr als zum Beispiel meiner Mutter möglich war. Der Pfarrer ist sehr lieb und tut so vieles, das nicht gesehen wird. Er opfert sich auf für die Gemeinde und immer wieder wird er mit Zölibat und Frauen, die Priesterinnen werden wollen, konfrontiert. Er sagt auch, dass manche Themen weltweit zu sehen sind. Wir sollten nicht nur Europa sehen. Schadet die Kirche sich nicht selber, wenn immer an diesen Themen festgehalten wird und geht es nicht darum, den Glauben weiterzugeben und zu leben? Sollten wir nicht mehr auf das schauen, was jetzt schon möglich ist?

Es gibt viele Engagierte innerhalb der Kirche: Ehrenamtliche, Priester, Pastoralreferent*innen, Diakone, Lehrer*innen, etc., sie beten, feiern, sind karitativ tätig und verkünden den Glauben und viele, viele gläubige Frauen und Männer, die auf ihre Weise glauben und verkünden. Im besten Fall arbeiten vor allem Ehren- Hauptamtliche und geweihte Männer auf Augenhöhe gut zusammen, hören aufeinander und stehen sich auch im Glauben nahe – je nach Charisma und je nach erworbener Profession, Sendung und Weihe. Da haben Sie vollkommen Recht, viel ist möglich und eine Form von Pluralisierung der Begabungen und Berufungen findet ja auch gerade statt.
Vielleicht geht es weniger darum, was wir jetzt schon alle „dürfen“ und „können“, sondern vielmehr um die Fragen: Beruft Gott bestimmt keine Frauen zu Priesterinnen? Ist es im Sinne Gottes, dass das Priestertum an den Zölibat gebunden ist? Etc. Wahrscheinlich wird deshalb so lange an manchen Fragen festgehalten, weil ein Teil glaubender Menschen sich einfach nicht vorstellen kann, dass es den Willen Gottes widerspricht – im Blick auf die Tradition und aufs Evangelium.
Kirche hat sich im Laufe der Zeit verändert, Theologie hat neue Erkenntnisse und Einsichten gewonnen und naja, Gott scheint auch ziemlich lebendig am werken zu sein, so gilt es immer wieder neu zu hören und das Evangelium zu verstehen.
In den Diskussionen höre ich immer wieder folgende Argumente:
Einheit: Um der lieben Einheit willen, im Blick auf die Weltkirche ist manche europäische Sicht „kurzsichtig“. Wenn ich mit Missionar*innen spreche, verhärtet sich diese These für mich nicht in allen Punkten und Fragestellungen. Gleichzeitig gewinne ich manchmal den Eindruck, dass Einheit mit Uniformität verwechselt wird. Ich kann eine Einheit bilden, auch wenn ich in manchen Punkten unterschiedlicher Meinung bin. Da gilt es Vielstimmigkeit auszuhalten. Ich fürchte ja, Gott liebt die Pluralität und wird uns noch viel mehr zumuten.
Meiner Meinung nach wird manchmal auch Theologie mit Ideologie verwechselt, und hier gilt es auch genauer hinzuschauen und wachsam zu sein, wann es kippt, in beide Richtungen.
Ich stimme Ihnen zu, vergessen wir nicht, die vielen Möglichkeiten schon jetzt zu sehen und zu nützen, da wo wir sind und gleichzeitig nicht müde werden, zu hören, wohin der Geist Gottes führen will. Der Papst hat wohl nicht ohne Grund einen synodalen Prozess angestoßen, der auch auf struktureller Ebene eine neue Form des Miteinanders und Zueinander bewirken soll, und das Volk Gottes stärkt, das in sich wiederum bunt und vielfältig ist. Wir werden sehen, in welche Entscheidung der Weg nach zwei Jahren mündet.

Es geht weiter mit Fragen zu Kirche, Beziehung und Sexualität

Es gab einige Reaktionen auf die letzte Frage und meine Antwort. Drei wähle ich aus, die aus meiner Sicht das Spektrum von Rückmeldungen etc. gut wiedergeben. Über die Reaktionen, auch über die Heftigkeit, die Bandbreite von Sichtweisen und Perspektiven bin ich erstaunt. Hier nun die drei Fragen und meine Antwort darauf.

Sie fassen alle Wege, ob eine neue Beziehung eingegangen wird oder alleine zu leben gleichwertig zusammen. Aber gibt es nicht doch Lebensformen, die eher Gott entsprechen als andere und Menschen sich daran orientieren sollen und es nicht beliebig wird? Schließlich gibt es ja auch noch eine Moral, die die Kirche lehrt, oder hat diese keinen Wert für Sie?

Ich entnehme, dass Sie sich an zweierlei anstoßen, einmal, dass ich Wege für gleich (moralisch?)  und gut ansehe, und das andere Mal, dass ich kirchliche Normen aus Ihrer Sicht vielleicht zu wenig beachte. Ich kann Ihnen sagen, ich habe eine Vorliebe für Moral, und zwar deshalb, weil es da in meinem Verständnis um die Verbindung von Spiritualität/Glaube und Lebensweise geht. Das, was wir spirituell erkannt haben, ist umzusetzen in den Alltag des Zusammenlebens. Und das ist schwer. Wie kann ich zum Beispiel die Erfahrung von Verbundenheit so in meine Lebensweise integrieren, dass diese auch konkret spürbar wird, noch dazu für „alle“? Da kommt dann wohl der Haken ins Spiel, wenn geronnene spirituelle Glaubenserfahrung zu allgemein festgeschrieben Normen und Gebote werden. Normen und Gebote sind immer dem Leben nachgeordnet und gleichzeitig vorgeordnet. Vielen Menschen sind Normen auch im Bereich des Zusammenlebens wichtig; für sie sind eigene Entscheidung/Erfahrung und (kirchliche) Normen deckungsgleich und sie leben gut damit.
Bei der Mehrheit der Menschen ist das scheinbar im Bereich Beziehung und Sexualität nicht mehr der Fall. Da kommen Normen an die Grenzen und weichen von dem, was man selbst als „richtig“ erkannt hat, ziemlich ab, da wird die Frage virulent: Worum geht es? Geht es darum, Normen, die ich selber nicht bejahen kann, trotzdem lebe oder geht es darum, dass ich mein Gewissen prüfe und wahrhaftig meinen Weg vor und mit Gott gehe? Der Mensch ist glaube ich gefordert, seinen Weg geistlich zu suchen und diesen auch zu gehen. Da ist auch Jesus ein Vorbild im Umgang mit Normen, wenn Glaubenserfahrung und Erkenntnis nicht mit der Norm mehr übereinstimmen, vgl. Sabbatfrage.
Grundsätzlich gibt es das moralische Prinzip, dass niemand zu etwas zu verpflichten ist, das für ihn nicht schaffbar ist.
Und ja, es gibt Lebensformen, die ich nicht für gleichwertig sehe: Es gibt Beziehungen mit Gewalterfahrung, großer Abhängigkeit, Tendenzen der Unterdrückung und Unterwerfung etc., da bin ich entschieden dagegen.
Aber Beziehungen, in denen Verantwortung, Liebe, Vertrauen etc. gelebt werden, und diese Beziehung zur Lebendigkeit und Schöpferkraft beider beiträgt, da kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass dies Gott nicht entspricht.

Warum raten Sie dieser Frau nicht zu einer klaren Entscheidung, wieder eine Partnerschaft einzugehen?

Schlichtweg: Weil ich das nicht kann, weil ich nicht weiß, was das Gute im Leben dieser Frau ist. Ich sehe Kriterien als Spuren für eine Antwort, die einzig diese Frau beantworten kann: Welche Lebensform macht sie lebendiger? Hingebungsvoller? Kreativer? Weiter? Beziehungsfähiger? Wahrhaftiger?
Und das ist meiner Erfahrung nach ein Prozess hin zu einer Entscheidung.

Worüber Sie meiner Meinung nach zu wenig schreiben ist der Zusammenhang von Beziehung, Sexualität und Spiritualität oder sehen Sie keinen?

Ja, da sprechen Sie etwas ganz Wichtiges an! Zum Beispiel Erotik, das Gefühl von jemanden angezogen zu werden, und die Erfahrung von Übersteigung beinhaltet, ist für viele Menschen oftmals die erste Tür hin zu einer spirituellen Erfahrung. Diese innige Verbindung bezeugt auch die Tradition zum Beispiel im biblischen Hohelied der Liebe, wie sehr Vereinigung, Anziehung auch immer Göttliches widerspiegeln. Viele Texte von Mystiker*innen beschreiben dies ebenso auf innige Weise, zum Beispiel (Ausschnitt)
(Jesus) Er durch küsst sie mit seinem göttlichen Munde
Wohl Dir, ja mehr als wohl, ob der überherrlichen Stunde!
Er liebt sie mit aller Macht auf dem Lager der Minne
Und sie kommt in die höchste Wonne
Und in das innigste Weh
Wird sie seiner recht inne.
Mechthild von Magdeburg, Fließende Licht der Gottheit
Auch darauf sollte nicht vergessen werden – danke!

Kirche und Sexuallehre

Ich bin eine über 40-jährige Frau, mein Mann hat sich von mir getrennt und sich scheiden lassen. Das ist jetzt schon einige Jahre her. In meinem Freundeskreis finden sich Religionslehrer, Priester und andere, die in der Kirche tätig sind. Ich bin auch sehr gläubig und versuche nach den Geboten der Kirche zu leben. Ich werde darauf angesprochen, ob ich wieder an eine Beziehung denke. Ich darf nicht, weil ich laut Kirche verheiratet bin. Gleichzeitig höre ich so Unterschiedliches, wie sehr das Gebot verschieden gesehen und gelebt wird. Da geht ja innerhalb der Kirchenvertreter die Meinungen auseinander und ich frage mich, was ist richtig. Ich möchte nach dem Willen Gottes und der Kirche leben. Ich selber fühle mich zwischen den Stühlen, auf der einen Seite bin ich verheiratet, auf der anderen Seite denk ich, ich bin vielleicht doch noch zu jung, um keine Beziehung mehr einzugehen und ganz auf Sexualität zu verzichten. Aber allein wenn ich daran denke, fühle ich, dass es Sünde ist. Können Sie mir weiterhelfen?

Kirche und Sexualität: In jeder Hinsicht ein spannungsreiches Verhältnis, das sich durch die Geschichte bis in die Gegenwart zieht. An der Sexualmoral ist ersichtlich, wie viel philosophisches Gedankengut und Bilder von Körper- und Leiblichkeit die christliche Auslegung der biblischen Botschaft nach wie vor prägen. Eng verknüpft wurde Sexualität mit Geboten und vor allem mit Sünde. Schlechtes Gewissen wurde allzu oft mit „fehlerhaftem Verhalten“ im sexuellen Lebensbereich der Menschen verbunden. Die Thematik von Macht im Zusammenhang von Beziehung und Sexualität kann ich nur erwähnen, weil zu umfangreich darüber vertiefend zu schreiben. Diese Vorstellungen einer richtigen Lebensweise prägt(e) Generationen. War es wichtig in den frühen Jahrhunderten die Ehe als exklusiven Ort der Sexualität auch zum Schutz von Frau und Kindern, wie auch den Fortbestand von Generationen zu sichern, hat sich mittlerweile viel gewandelt. Selbst das kirchliche Lehramt hat im Zweiten Vatikanischen Konzil Beziehung und Liebe in der Ehe an erste Stelle gegeben, und die Sicherung durch Nachkommen nachgereiht. Da zeigt sich, dass Beziehung und Liebe zwischen Menschen eine höhere Bedeutung erlangt haben und es mehr als um Sicherung, Schutz und Fortbestand geht. Beziehungen leben von Liebe und Zuneigung –  und werden als großes Geschenk (Gottes) erfahren. Gleichzeitig ermöglicht die Freiheit von Männern und Frauen auch das Geschenk zu lösen und aus der Verbindung wieder auszutreten. Freilich nicht im kirchlichen Verständnis.
Da gibt es, wie Sie schreiben, unterschiedliche Auslegungswege wie mit Brüchen, Trennungen und Scheidung umgegangen wird und auch verschiedene individuelle Lebenswege gläubiger Christ_innen. Ich habe eine Frau begleitet, die nach der Scheidung in der Treue ihres ersten Mannes geblieben ist und ihre Sexualität nicht mehr ausgelebt hat. Diese Entscheidung dauerte lange, kannte unterschiedliche Phasen, aber in Verantwortung vor Gott und ihrem Gewissen folgend, ist sie zu dieser gekommen. Ich habe aber auch andere Frauen und Männer begleitet, die zu anderen Entscheidungen nach einer längeren, reifen Auseinandersetzung gekommen sind, und wieder Beziehungen mit einer gelebten Sexualität führen. Mir sind auch Menschen vertraut, die versuchen das Gebot einzuhalten, es aber nicht vermögen. Nach deren Selbstaussage sündigen sie, fühlen große Schuld, bereuen und beichten – ein Kreislauf von Sünde und Schuld mit großer Tendenz sich abzuwerten ist im Gange. Da dauert es meiner Erfahrung nach lange, um zu einer guten Entscheidung zu kommen und ist mit viel Mühsal verbunden.
Wichtig erscheint mir, einen möglichst ehrlichen, glaubwürdigen und verantwortungsvollen Weg der Beziehungsgestaltung vor sich, Gott und Mitmenschen zu gehen und es kann länger dauern, den je „eigenen Weg“ mit und vor Gott zu finden. Wenn Menschen zu einer eigenständigen, verantwortungsvollen Entscheidung für ihr Leben kommen, sie ihrem gebildeten Gewissen folgen, dann spürt man auch, dass diese zu ihrem Lebens- und Glaubensweg passt, auch wenn es möglicherweise allgemeinen Normen nicht entspricht.
Ich schreib schon wieder schon lange und vielleicht denken Sie, was soll das nun für mich bedeuten? Ich denke, dass es wichtig ist, erstens wie sie ein bisschen von sich zeigen, die eigenen inneren Spannungen und Ambivalenzen wahrzunehmen. Zweitens bestärke ich immer ein aktives Glaubensleben zu führen und in der Beziehung Gottes zu bleiben. „Seid barmherzig, wie es auch euer Vater ist!“ (Lukas, 6.36-37) – diese Barmherzigkeit Gottes gilt Ihnen! Letztlich geht es um ihr Leben vor und mit Gott, der sie unendlich liebt und die Fülle des Lebens für Sie möchte! Drittens rate ich, Normen und Gebote zu hinterfragen, woher kommen sie? Welche geben mir Freiheit, um meine Berufung zu leben? Helfen sie mir „mit-menschlicher“ zu werden? Viertens suchen Sie sich jemanden, mit dem Sie über so heikle, innere und intime Themen sprechen können, hüten Sie sich vor Begleiter_innen, die wissen, welcher Weg der für Sie passende ist! Im besten Fall ist der/die Begleiter_in wie eine Waage und steht Ihrer persönlichen Berufung mit Gott nicht im Wege. Und manchmal geht Gott ganz anders als wir je vermuteten. Fünftens leben Sie Beziehungen, pflegen Sie Freundschaften, achten Sie gut auf sich und zum Schluss wünsche ich Ihnen: Lassen Sie sich von Gott überraschen!

Gibt es spirituelle Einsamkeit?
Ich fühle mich sehr einsam. Ich bin verheiratet und habe Familie. Ich bete schon sehr lange und gehe auch auf Exerzitien. Seit einem halben Jahr spüre ich, wie einsam ich bin. Und jetzt frage ich mich, ob es von meiner intensiven Gebetspraxis kommt?

Ich danke Ihnen für Ihre Frage. Sie treffen schon eine selbst eine Unterscheidung zwischen Alleinsein und Einsamkeit. Ich persönlich glaube, Einsamkeit gehört zu uns Menschen dazu – auch wenn man einen Partner hat, verheiratet ist, Freunde hat etc. Einsamkeit kann meiner eigenen Erfahrung nach und jener aus Begleitsituationen auch eine Antriebskraft zu mehr Autonomie, Eigenständigkeit sein. Warum schreibe ich das? Das Gegenteil von Einsamkeit ist für mich Verbundenheit, die gerade auch im Gebet und Meditation genährt wird. Gleichzeitig wirkt sich das Gebet in dem Sinne aus, dass es einen Prozess der eigenen „Selbstwerdung“, ja der Berufung initiiert. Und dieser Prozess führt dann auch ein Stück weit mehr oder weniger intensiv in die Einsamkeit. Den eigenen Weg in Verbundenheit mit anderen zu gehen ist eine Herausforderung und wird ohne Einsamkeit wohl gar nicht möglich sein. So gesehen kann Ihre Erfahrung von Einsamkeit bedeuten, dass Sie mehr zu sich und Ihrer Berufung finden. Dann ist es eine „spirituelle Einsamkeit“, die sich dann auch wieder verwandelt und trotzdem immer ein bisschen bleibt.
Andeuten möchte ich, dass es auch eine Einsamkeit gibt, die mehr ins Depressive führt, wo sich nichts Schöpferisches zeigt, Möglichkeiten nicht gesehen werden, es nahe zur Verzweiflung kommt etc. Eine Unterscheidung alleine zu treffen ist manchmal gar nicht so einfach, so kann es ratsam sein, sich von einer Person begleiten zu lassen, die verschiedene Facetten von Einsamkeit auch selber erfahren sowie reflektiert hat, und gut in der Unterscheidung begleitet.
Mögen Sie sich mitten in der schöpferischen Einsamkeit befinden – und dafür wünsche ich Ihnen viel Kraft und Segen!

Spiritualität in einem Satz


Sie schreiben so viel über Ihr Verständnis von Spiritualität. Können Sie das auch in kurz und bündig ausdrücken?

Ich habe länger darüber nachgedacht. Und das ist nun „mein Satz“: Spiritualität heißt, sich auf den Ruf nach Leben(digkeit) einzulassen.

Wenn unterschiedliche Einstellungen zu COVID – Maßnahmen die Partnerschaft herausfordern

Meine Freundin ist sehr spirituell und mit der Natur verbunden. Wir streiten viel, weil sie nichts von den Corona-Maßnahmen inkl. Impfung hält, und sich auch an nichts haltet. Das bringt uns fast auseinander. Aber heißt, spirituell sein, sich an nichts zu halten?

In Partnerschaft zu leben, wenn man beim Thema Corona-Maßnahmen gänzlich verschieden denkt und handelt, stelle ich mir tatsächlich sehr herausfordernd vor. Sie lernen wohl ganz andere Seiten an Ihrer Freundin kennen, das kann auch ent-täuschend sein. Aber Sie sagen, „fast auseinander“. Meine Antwort auf Ihre Grundfrage fällt kurz und bündig aus: Ich kann spirituell sein, und mich gleichzeitig an die Maßnahmen halten.
Eine nie für mich möglich gedachte Übereinkunft hinsichtlich Corona-Maßnahmen nehme ich wahr zwischen religiösen Menschen, die durchaus traditionell ihren Glauben leben und jenen, die mit religiöser Tradition überhaupt nichts am Hut haben und sich selbst spirituell und frei von Religion bezeichnen. Bei zweiteren habe ich den Eindruck, je mehr Menschen ihr eigenes spirituelles Sein entdecken, desto häufiger machen sie die Erfahrung, anderes zu entdecken, kritischer gegenüber Annahmen, Forderungen, Vorschriften werden und alle Autoritäten (hoffentlich auch die eigenen inneren!!) in Frage stellen. Sie beurteilen und bewerten aus dem eigenen erschlossenen Deutungsrahmen hervor. Das ist begrüßenswert. Es braucht allerdings Zeit, bis ein neues Verhältnis zu Autorität, Erkenntnis, Wissenschaft etc. möglich ist.
Zugleich wird Widerstand oftmals durch zu viele Vorschriften und Verordnungen hervorgerufen, was möglicherweise für viele gegenwärtig der Fall ist, auf der anderen Seite ist die Frage, ob man der Pandemie mit ausschließlicher Freiheit und Selbstermächtigung begegnen kann, oftmals ist dann gar nichts mehr steuerbar und artet aus. Vielleicht repräsentieren Sie in der Partnerschaft beide Pole. Manchmal hilft es zu sehen, okay, ich bin jetzt bei diesem Pol, du beim anderen, lass uns darüber sprechen, warum ich hierin neige.  Vielleicht kommen Sie so auf ganz anderes zu sprechen und kommen in Bewegung…Bleiben Sie im Gespräch und in der Beziehung, seien Sie neugierig, und entdecken Sie auch abseits von Corona was sich in Ihrer Partnerin verändert. Möglicherweise birgt es die Chance einer ganz anderen Annäherung. Ich wünsche es Ihnen.

Gebet und Sündenbekenntnis als Mittel gegen COVID

Wenn ich ehrlich bin, mir reicht es mit den ganzen Vorschriften und dann darf man in den Gottesdienst und dann auch wieder nicht, der Impfzwang – und ich denke mir, sollten die Menschen nicht mehr das Beten lernen, ihre Sünden bekennen, dann bringt das Gott auch wieder ins Lot und die Lockdowns und Maßnahmen endlich sein lassen. Sie helfen nichts. Vielleicht gibt es das auch alles nicht. Ihr alle, die ihr für Glaube steht, müsst mehr für Sündenbekenntnis und Gebet eintreten.

Wissen Sie, ich bin in der Krankenhausseelsorge tätig, und aus dieser Perspektive und Erfahrung heraus antworte ich Ihnen. Es ist kein fake, Menschen erkranken real an COVID, zu viele sterben m. M. daran, und einige, die die Erkrankung überstanden haben, befinden sich auf einem sehr langen Heilungsweg. Diese Realität lässt sich nicht leugnen. Tja, was hilft gegen den Virus? Diesen Unmut hinsichtlich der vielen Vorschriften, und das Gefühl, keine Wahlfreiheit zu haben, sondern sich diesen unterordnen zu müssen, höre und spüre ich bei vielen Menschen heraus. Ich selber gehöre sicherlich auch zu den skeptischeren Menschen und bin kritisch bzw. wachsam gegenüber Vorschriften etc. Vielleicht fällt es mir hier leichter, weil ich einerseits die Wirkung von Masken etc. im Krankenhaus real miterlebe, andererseits ich nun einmal Wissenschaftler*innen traue. Ich sehe eine konstruktive Verbindung von Naturwissenschaft und Glaube. Ich glaube an einen Gott, der durch Menschen wirkt und das Leben für alle bewirkt.
Wenn man den Grund der Maßnahmen nicht mehr nachvollziehen kann, ist es bestimmt schwer, diese zu akzeptieren und doch sehe ich auch nicht den alleinigen Weg darin, sich einzig auf Gebet und Sündenbekenntnis zu verlassen. Glaube und Naturwissenschaft müssen Hand in Hand gehen. Beide können irren, ja. Bei beiden gilt es wachsam und kritisch zu bleiben.
Ich kann Ihrer Bitte des Glaubens und der Frage nach den Sünden einiges abgewinnen, wenn es sich nicht nur auf das Gegenüber bezieht, und Unglaube und Sünde bei anderen und der Gesellschaft schneller wahrnimmt, als bei sich. Stattdessen sich fragt: Wo fordert Gott mich heraus? Wo und in welcher Weise bleibe ich in Verbindung zu Gott und zu anderen Menschen, wo trenne ich mich – vielleicht auch von mir selber?
Kritisches Denken und Hinterfragen müssen erlaubt sein, und vielleicht fehlt ein offener Dialograum, wo unterschiedliche Positionen tatsächlich diskutiert werden dürfen, ohne jemanden einzukasteln und ohne Chance aus der Schublade jemals raus zu kommen. Vielleicht ist es auch möglich, nicht nur über Richtigkeit oder Falschheit von Maßnahmen zu sprechen, sondern über das jeweils tiefer liegende Bedürfnis, wo wir „im Kern“ betroffen sind. Vielleicht können wir sprechen über Ängste vor Totalitarismus, die möglicherweise auch mit unserer Familiengeschichte zu tun haben; die Sorge um den Arbeitsplatz und angewiesen auf andere zu sein; die Hoffnungs- und Perspektivenlosigkeit; die Wut auf die „Gewinner in der Pandemie“; die Trauer, was alles in dem Jahr versäumt worden ist; das Bedürfnis nach sozialer Nähe und Wärme etc. Oder aber man fragt sich, wo kann ich konkret helfen, und tut es dann auch. Vielleicht wäre das eine Möglichkeit, einander näher zu kommen, statt zu spalten. Freilich, eine wage These, und nicht einfach sich darauf einzulassen.

Hauskirche mit meiner Familie funktioniert so nicht

Ich bin eine sehr gläubige Frau und will meine drei Kinder christlich erziehen. In der Zeit des Lockdowns, vor allem jetzt im Advent und zu Weihnachten, habe ich Vorschläge wie mit meiner Familie zuhause zu feiern, umsetzen wollen. Ich bin gescheitert. Meinem Mann ist es sowieso zu viel und auch meinen Kindern. Teilweise lachen meine Kinder auch und sie weigern sich mit zu feiern. Dabei könnte es so schön sein und wertvoll sein. Es ist mir ein großes Anliegen, meinen Kindern den Glauben weiter zu geben.

Möglicherweise tröstet meine Antwort nicht, denn ich kann weder gute Tipps noch Ratschläge geben. Ich lege Ihnen einfach meine Gedanken und Sichtweise dazu. Irgendwie höre ich eine Idealvorstellung heraus: Die Familie versammelt sich um den Tisch und dann wird entsprechend dem Feiervorschlag gefeiert – in Stille, großer Aufmerksamkeit und Eintracht. Möglicherweise leben ein paar wenige Familien diese Idealvorstellung auch tatsächlich, ich selber vermute, die Realität Ihrer Familie ist einigen näher – zumindest auch meiner.
Da gibt es unterschiedliche Bedürfnisse vom Partner, den Kindern und auch die eigenen. Was für einen wenig ist, ist für den anderen schon zu viel und wenn dann noch das hohe Ideal „richtigen Feierns einer richtigen christlichen Familie“ dazu kommt, dann ist zusätzlich Druck da. Von Zwang und Überredung in religiösen Angelegenheiten halte ich nichts. Ich habe zu viele Frauen und Männer begleitet, die sich später vom religiös erlebten Zwang befreien mussten und eine lange Leidensgeschichte hinter sich haben. Es gibt Religionsfreiheit – auch innerhalb der Familien – und sie kann auch bedeuten, Freiheit von Religion.
Von daher meine ich: Vielleicht ist zunächst dran, sich von dieser Vorstellung wie es zu sein hat, zu befreien. Das kann weh tun. Nehmen Sie den Feiervorschlag als das, was es ist: Ein Vorschlag. Wählen Sie in Abstimmung und im Gespräch mit Ihrer Familie das aus, was möglich ist: Vielleicht es „nur“ das Gebet oder ein Lied, vielleicht auch gar nichts davon. Vielleicht ist das Entzünden einer Kerze möglich und eine Minute Stille. Vielleicht machen alle Ihre Kinder und Ihr Mann mit, vielleicht auch niemand – versuchen Sie es dennoch nicht persönlich oder kränkend zu nehmen. Ich weiß, dass schreibt sich so leicht, kann sich dann aber beinhart und schmerzvoll anfühlen… Ich wünsche Ihnen, dass Sie kein schlechtes Gewissen haben, Ihren Kindern lehren Sie auch über das, was Sie (nicht) tun, wie Sie reden und handeln.
Aber nehmen Sie auch Ihre Bedürfnisse wahr! Wenn Sie „mehr an Feier“ brauchen, dann sorgen Sie für sich und feiern Sie – per Video mit anderen, für sich alleine dem Feiervorschlag entsprechend. Übrigens: Hauskirche hat in der Geschichte immer etwas anderes als „Familienkirche“ bedeutet: Jemand ein/e Patron*in hat sein/ihr Haus für religiöse Treffen, Feiern und Agape zur Verfügung gestellt, damit unterschiedliche Menschen ihren christlichen Glauben feiern, sich darüber austauschen und vor allem war es auch wichtig, an die sozial Benachteiligten zu denken und konkret zu helfen. Vielleicht tröstet das. Das könnte auch jetzt so sein, Hauskirche, wenn wir virtuell mit anderen, die das wollen, gemeinsam feiern.

Gibt`s Adventimpulse
Die Frage und Bitte ist gekommen, Impulse für den Advent zu gestalten. Ich werde dieser Bitte nicht nachkommen, aus dem einfachen Grund, denn gerade heuer tummeln sich so viele online Impulsmöglichkeiten, um sich im Advent zu vertiefen. Ich hoffe, dass ist nachvollziehbar. Schauen Sie auch auf die Homepages Ihrer Pfarren und Diözesen – es tut sich hier unglaublich viel.
Wie ich meinen Advent gestalte? Neben Meditation werde ich selber dieses Jahr jeden Adventtag einen Menschen anrufen, den ich schon sehr lange nicht mehr gesprochen habe, von dem ich weiß, der ist ziemlich alleine und in kein so großes Netz eingebunden.
Auf ein paar Links möchte ich abschließend hinweisen:

https://www.katholisch.de/artikel/7125-besinnliche-adventszeit-im-netz

https://jesuiten.at/blog/2020/11/11/dankbarkeitskampagne-als-antwort-auf-krisenstimmung-trotzdem-dankbar-gegen-den-corona-blues/

https://www.dankbar-leben.org/rubrik/inspiration/uebungen-fuer-den-alltag/

https://www.advent-online.de/

https://www.oekumenische-alltagsexerzitien.de//

https://www.katholische-kirche-steiermark.at/section/licht-werden-im-advent-und-darueber-hinaus

Uns allen eine schöne Zeit hin auf Weihnachten!

Ich habe gelesen, dass Sie sich in der Ökumene engagieren, wozu und wie kommt es dazu? Ist es nicht sinnvoller und besser sich für Interreligiosität einzusetzen? In der Öffentlichkeit interessiert doch niemanden Ökumene.

Zugegeben, ich habe dieses Mal länger für eine Antwort gebraucht. Möglicherweise habe ich mich auch über die Frage geärgert, nur weil die breite Öffentlichkeit nichts mit Ökumene anfangen kann, soll ich mich nicht für Ökumene interessieren und engagieren. Der Ärger trifft natürlich eine Wahrheit, da haben Sie liebe Fragestellerin Recht. Die „Wahrheit“, dass Ökumene für eine Minderheit Bedeutung hat: Jene, die gemischt konfessionell leben und auch ihren Glauben miteinander leben wollen, in Schulen, wenn beste Freund_innen konfessionell verschieden sind. Ich kann im Blick auf mein Engagement mit keiner sehr frühen biografischen Erzählung dienen, die aus psychodynamischer Hinsicht mein Interesse erklären kann – und doch habe ich Feuer gefangen. Wohl eher aus theologischer Sicht und im Nachdenken frage ich mich, ob nicht die Vision des einen Christlichen in vielfältiger Ausprägung so anziehend für mich ist. Kirchen ja, die gibt es nun, vielleicht überleben sie, wenn sie sich wandeln, oder vielleicht vergehen sie auch, aber meine innere Vision ist, die christliche Botschaft von der Liebe, vom Leben, vom Miteinander, von der Verbundenheit mit Gott und allem was lebendig ist, sie lebt (auch jetzt bereits stark außerhalb kirchlicher Zugehörigkeit) und wird weiter bestehen. Das verbindend Christliche, diese Zusammengehörigkeit zu Christus ist im Zentrum. Kann diese Zugehörigkeit zu Jesus Christus, auf dessen Namen wir Christinnen getauft sind, nicht eines Tages soweit gehen, dass es ziemlich egal ist, in welcher Konfession du bist, an welcher du teilhast, wie gefeiert und gebetet wird? Soweit, dass es heißt, wir sind Christen und Christinnen und dürfen alle miteinander ohne Grenzen und Schranken feiern, beten, Sakramente empfangen… Und als solche entwickeln wir uns gemeinsam fort und wer weiß, wohin diese Zugehörigkeit zueinander und zu Jesus Christus uns letztlich führt? – Ich finde, Ökumene ist die Zukunft des Christentums. Da liegt Verheißung und viel Kraft der Wandlung.

Wird es je ein Miteinander von Klerus und Laien geben? Anfrage aufgrund des Dokuments, Instruktion über Pfarre und missionarische Seelsorge.

Besorgte, verärgerte Stimmen von Laien aber auch Priestern werden laut angesichts des neuen Schreibens, mit einem vertrauten Inhalt? Wird es je ein Miteinander von Klerus und Laien geben? – Eine gute Frage, die mich nachdenken und seufzen lässt. Im Blick auf meine bisherige Erfahrung antworte ich als Hauptamtliche mit Stationen in der Pfarrpastoral, im Pastoralamt und nun, erst seit kurzer Zeit in der Krankenhausseelsorge.
Ganz klar zeigt sich an allen Stationen meines Wirkens, das Kirchenrecht erscheint als Block, an dem es nicht zu rütteln gilt. An dem Block arbeiten sich manche ab, versuchen diesen zu bearbeiten, aber er will und will nichts von seiner Starrheit verlieren. Schönreden hilft schon lange nicht mehr: Qualifizierte Laien suchen und gehen andere Wege, aber auch Priester – entweder aus dem Amt, oder noch öfters zerreiben zu viele am Block, der eigentlich im Sinn hat, ihren Stand, ihre Privilegien, ihre Macht, vielleicht sogar ihr priesterliches Sein, zu bewahren und zu schützen.
In der Pfarre mit dem klaren Leitungsauftrag verbunden, suchen Priester Unterstützung und Entlastung, weshalb „Aufgaben“ an Laien delegiert werden. Dieses herrschaftliche Modell funktioniert mit einigen Priestern auch ansatzweise kollegial – aber eben nur vereinzelt und je nach Auffassung und Verständnis des jeweiligen Pfarrers. Eine wirkliche Gleichberechtigung in vielen Fragen hinsichtlich des Amtes sieht der Block nicht vor.
Nun bin ich in der Krankenhausseelsorge tätig. Als Seelsorgerin bin ich in einem Team mit einem Priester und einer Ehrenamtlichen unterwegs und es ist ein zutiefst christlich ursprünglicher, diakonischer Auftrag, der uns alle drei gleichermaßen bewegt und aufgegeben ist. Ohne alle Unterschiede zu nivellieren, die es freilich gibt (Sendung, Vollmachten, Ausbildungen etc.), einen uns doch die Aufgaben und Herausforderungen. Wir alle drei sind im System Krankenhaus ohne Territoriums Ansprüche, wir haben uns zugewiesenen Stationen, wir versuchen Kontakt zum Personal zu knüpfen und „verlieren viel Zeit mit und bei den Menschen.“ Längst stoßen wir Laienseelsorger_innen auf eine breite Akzeptanz und sind willkommen. Ausschlaggebend für diesen diakonischen Dienst ist, ob wir zur Beziehung fähig sind, zuhören, präsent beim Menschen sind, Hoffnung mittragen, mit-aushalten können und die Frage nach der Transzendenz offen halten. Es sind zutiefst menschliche Qualitäten, die von uns, egal ob als Priester oder Laie, gefordert werden. Wir sind als Menschen gefragt, und als solche werden wir auch gesehen. Der Austausch über unsere Erfahrungen, über das, was vielleicht gelungen, was eventuell weniger gelungen ist, erfolgt gleichberechtigt und wir treffen uns im Menschsein – mit all den Grenzen und Möglichkeiten. Ja, da wird in zaghaften Ansätzen eine Erfahrung eines neuen Miteinander von Priestern und Laien möglich.
Erst an zweiter Stelle kommt, falls überhaupt, die Frage nach ritueller Handlung und da, ja, da kommen Amt und Kirchenrecht ins Spiel und markieren eine scheinbar unüberwindbare Grenze zwischen Amtsträgern und Laien. Krankensalbung und Eucharistiefeier bleiben dem Priester vorbehalten. Als Seelsorgerin sage ich leider, gerade in der Frage nach der Spendung der Krankensalbung. Da entkomme ich dem Eindruck nicht, dass die vielen Nöte, jene von Priestern, Laien und vor allem von Kranken, nicht gesehen werden wollen. Gesehen vielleicht schon, aber in Kauf genommen.
So bleibt das Resümee beschaulich, und doch lässt sich ein neues Miteinander erahnen – auf einem fremden Boden, in der Begegnung mit Menschen, im diakonischen konkreten Tun. Vielleicht sind diese exemplarischen Erfahrungen eines anfänglichen Miteinanders auch ansteckend…. Dennoch: Sobald es um die Frage der Leitung und Vorsteherrolle geht, erscheint der festgefahrene Block. Ich kann nur hoffen, dass sich nicht zu viele an ihm zerreiben. Möglicherweise erahnen die meisten die Landschaft hinter dem Block, umqueren ihn, lassen ihn und alles was dazu gehört hinter sich, weil sie die Freiheit und ein neues Miteinander schmecken. „Sucht zuerst sein Reich und seine Gerechtigkeit; dann wird euch alles andere dazugegeben“, heißt es in Mt 6,33. Ich ahne: Wer freigibt, gewinnt.

Ich möchte noch keinen öffentlichen Gottesdienst mitfeiern, mir ist das wegen Corona noch zu viel, aber es fragen mich einige, warum ich denn nicht teilnehme, ich bin doch Teil der Gemeinschaft. Da ich noch weiter beobachten will, mag ich noch nicht gehen, aber ich spüre den Druck von anderen.

In der Zeit vor Corona hat man mit Bekannten, Freund_innen als Teil einer kirchlichen Gemeinschaft gefeiert,während Corona musste das eigene religiöse Leben anders gelebt werden, und nun nach Corona schließen einige Menschen wieder an die Zeit von vorher an und nehmen am Gemeindeleben wieder teil. Das mag für einige Menschen auch passen, für andere hat sich möglicherweise etwas verändert.
Das Virus ist noch da und mit ihm wohl auch Gefühle von Ungewissheit, Unsicherheit, Ängsten, Unbehagen etc. Ich kann Ihnen nur raten: Hören Sie auf Ihr Gefühl. Wenn Sie warten wollen, wie sich die ganze Sache mit Corona weiterentwickelt, dann tun sie es – ohne ein schlechtes Gewissen zu haben. Ich denke die Grundfrage ist, was hilft mehr in der Verbindung mit Gott zu bleiben? Wenn Sie im Gottesdienst abgelenkt mitfeiern, aber körperlich präsent sind, oder wenn Sie andere Wege der spirituellen Vertiefung wählen und sich mit offenem Herzen auf die Tiefe des Geheimnisses einlassen?
Natürlich bleiben Sie Teil der großen kirchlichen Gemeinschaft – in welcher Form auch immer Sie teilnehmen.

Der Empfang der täglichen Heiligen Kommunion, die regelmäßige Anbetung sind jetzt schon so lange nicht möglich, soll ich jetzt weiterhin verzichten? Dabei gibt mir die tägliche Kommunion Kraft, Sicherheit und vertieft meine einzigartige Beziehung zu Jesus Christus. Die Situation ist nicht leicht, was soll ich tun?

Es ist verstehbar, dass diese Zeit der vielen Ein- und Beschränkungen tatsächlich nicht leicht ist, vor allem, wenn Grundbedürfnisse hintan gestellt werden müssen. Wir alle sind zum Verzicht aufgefordert. Ob Sie auch weiterhin verzichten müssen, kann ich nicht beantworten, das müssen Sie mit pastoralen Verantwortlichen vor Ort abschätzen und entscheiden.
Ich sehe in dem, was Sie mir geschrieben haben, dass ihre Spiritualität von Gottesdienstbesuchen, Anbetung und Kommunionempfang lebt, sie dadurch einen geregelten Tages- und Wochenrhythmus haben, der aufgrund der Beschränkungen sich nun ja auch geändert hat, was möglicherweise zusätzlich herausfordernd ist. Davon zu unterscheiden ist Ihre Christusbeziehung, die bislang aus der Begegnung und  dem Empfang der Kommunion gelebt hat. Hier denke ich, kann es eine Möglichkeit sein, sich selbst zu hinterfragen und  vielleicht bietet die Zeit jetzt die Chance, Jesu Gegenwart auf ganz andere Weise zu entdecken.
So erlaube ich mir einfach ein paar Fragen zu stellen: Woraus schöpfen Sie noch Kraft und Sicherheit in diesen Tagen? Was hat Ihnen in der Zeit des Verzichts geholfen? Wenn Sie Ihre Spiritualitätsformen beschreiben, woraus lebt Ihre Beziehung zu Jesus Christus vielleicht noch?

Jesus Christus selbst hat eine Vielzahl an unterschiedlichen Formen die Qualität der Beziehung zu Gott, Abba, gelebt: neben gemeinschaftlichen Formen des Zusammenseins, hat er sich immer wieder zurück gezogen; neben Gebeten aus der Tradition hat er wohl auch manche kreativ neu interpretiert; hat durch Naturbeobachtung das Reich Gottes entdeckt; hat sich auf fremde Menschen eingelassen und so seinen Auftrag auf neue Weise gesehen. Ich denke, Jesus kann uns hier Vorbild sein, um eine Fülle an Formen lebendiger Spiritualität ganz neu zu für uns selber zugänglich zu machen.
Bewusst den Rückzug zum Gebet nützen
– sich der Heiligen Schrift zuwenden
– in medialen Berichten das Reich Gottes entdecken und dafür danken: für die vielen Initiativen von Menschen für Menschen
– die Natur beobachten und kleine Veränderungen wahrnehmen
– sich bewusst täglich in der Haltung der Dankbarkeit üben

– etwas für andere tun
Letztlich ist es vielleicht auch ein inner-solidarischer Akt weltweit gesehen und führt uns Europäer_innen vor Augen, wie viele Christ_innen ihre Spiritualität nicht aus dem täglichen Kommunionempfang leben können, die schon immer „verzichten“ müssen. Vielleicht tut diese Erfahrung ja auch gut, sie zuzulassen und manche Anfragen, Wünsche etc mit anderen Augen zu sehen und einen reicheren geistlichen Schatz zu entdecken. Das kann evtl zur Entscheidungshilfe werden: Entscheide ich mich dazu, andere Formen der Beziehungspflege zu Jesus Christus auszuprobieren?

Sehr oft höre ich rund um Ostern von Momenten der Auferstehung und ich frage mich, von welchen Momenten ist hier die Rede? Wie kann ich das erfahren?

Erfahrungen kann man nicht „herstellen“, sie sind außerhalb unserer Verfügbarkeit, deshalb beschränke ich mich darauf, was in aller Unvollständigkeit und aller Kürze mit „Momenten der Auferstehung“ gemeint sein könnte. Ich möchte eine Spur legen, vielleicht tauchen eigene Lebenserfahrungen und Hoffnungen auf.
Für mich persönlich ist die Erzählung vom leeren Grab, insbesondere dieser Vers „Er ist nicht hier; denn er ist auferstanden, wie er gesagt hat“ (Mt 28,6) sehr wichtig. Denn da zeigt sich für mich, worauf das Geheimnis der Auferstehung hindeutet:
Grab bedeutet zunächst Tod – das Leben steht gegenüber
Das Grab ist zwar leer, aber voll mit göttlicher Anwesenheit, die sich in der Gestalt eines Engels zeigt, die Mut zuspricht „Fürchtet euch nicht!“
Mit der Botschaft, dass Jesu Leichnam nicht hier ist, zeigt sich, Er ist nicht fassbar. Die Jünger_innen werden erneut auf die Suche geschickt und dürfen den göttlichen Möglichkeitsraum seiner Gegenwart in dieser Welt entdecken
Die Botschaft von der Auferstehung bedeutet für mich, dass es verwandeltes Leben gibt, eine neue Art von Lebendigkeit, eine neue Art der Lebenskraft.
In Stichwörtern zusammen gefasst: Leere – Schöpfungskraft – Gottes Anwesenheit – neu auf die Suche gehen – Mut und Furcht und Zuspruch – staunen, verwandeln, neu geschenkt erhalten – neue Lebenskraft mit neuen Möglichkeiten
Dazu ein paar Fragen, ob es Momente im eigenen Leben gibt, die die Botschaft(en) von der Auferstehung durchschimmern lassen:
Habe ich in Augenblicken vollkommener Dunkelheit, die Kraft des Lebens spüren können?
Kenne ich „Leere“, die am Boden angekommen, nach und nach Hoffnung durchscheinen lässt?
Wo war besonderer Mut gefordert, sich zum Beispiel auf Neues einzulassen? Oder eine Lebensentscheidung zu revidieren? Oder schlicht und einfach, etwas zu wagen und wenn es „nur“ eine Unterbrechung alltäglicher Routine ist?
Für jene, denen Jesus besonders wichtig ist, wo tun sich Eckpunkte auf? Wo oder durch wen habe ich eine Grenze im Glauben erfahren, so dass ich neu auf die Suche gehen musste?
Wo spüre ich eine Lebendigkeit und eine ungeheuerliche Lebenskraft, die gefühlt, nie enden wird?
Bin ich ein naturnaher Mensch und beobachte ich wie sehr das Leben zum Leben kommt? Nehme ich die Verwandlung in der Natur wahr?
Dichter_innen beschreiben in Bildern dieses Geheimnis und Künstler_innen bringen es uns auf ihre Weise nahe – finden sich da Hinweise, um einen Moment der Auferstehung für mich zu erhaschen?

Konfrontation mit starken Gefühlen, spirituelle Krise?

Das Corona-Virus schafft zunächst ziemlich viel an Isolation. Trotz virtueller Begegnungen, Putzen und Räumen der Wohnungen, homeoffice kann es ziemlich einsam werden, vor allem, wenn keine Kinder zu Hause sind, denn dann sind die Herausforderungen mannigfaltig andere.
Ich hatte zwei Gespräche, und die Inhalte könnten vielleicht für mehrere interessant sein, weshalb ich diese teile. In den Gesprächen hat sich Schmerz herauskristallisiert: Schmerz, der Unendlichkeit so ausgesetzt zu sein; Schmerz, viele liebende Menschen jetzt nicht zu sehen; Schmerz, über die eigene Sterblichkeit und der anderer; Schmerz, so zu dieser Welt dazuzugehören. Wir gehören allesamt zusammen. Diese Verbundenheit wird oft in schönen Augenblicken, ich würde sogar von mystischen Augenblicken sprechen, bejaht und versucht zu wiederholen. Diese Verbundenheit stärkt, bringt Freude und Dankbarkeit. Es gibt jedoch auch die andere Seite der Verbundenheit, die ich mit dem Gefühl der Trauer und des Schmerzes beschreibe. Trauer über das, was wir nicht in der Hand haben; wir nicht wissen, wie die Sache für wen wie ausgeht; über das Alleinsein; die Natur, die leidet; die vielen Sterbenden, die in Bildern ins Wohnzimmer kommen; die Trauer, Menschen, die uns nahe sind, so lange nicht begegnen zu können. Ein Begleiter hat zu mir einmal gesagt, du tust dem Leben Unrecht, wenn du nur die eine Seite verkosten willst und darüber dankbar bist, halte auch die andere Seite der Verbundenheit aus. Etwas alleine gelassen und wütend bin ich mir damals vorgekommen, die tiefe Bedeutung ahnend, aber nicht wahr haben wollend. Dennoch später versucht auch das anzunehmen. Trauer aus einer existentiellen Tiefe heraus kann uns auch körperlich erfassen. Schaudernd kann es sein, ein großes Unbehagen und Unwohlsein, und zugleich eine Freude. Freude über die sehr, sehr kleinen Dinge, die begegnen, über den Augenblick, wenn wir aus- und einatmen. Ein Gemisch an sich widerstrebenden Gefühlen. Ich nenne diese Trauer die „heilige Trauer“, die zu einer tiefen Wir-Erfahrung führt und lächelnd weinend erfahren wird.
Diese spirituelle Krisenerfahrung und Erschütterung unseres Ichs ist von einer Depression wie auch einer depressiven Verstimmung zu unterscheiden. Wenn es sich um eine Depression handelt, ist unbedingt professionelle Hilfe aufsuchen.
Die Erfahrung von Trauer und Schmerz kann kurzfristig sein und dann vorüberziehen, als kleine Episode, oder aber sich längerfristig auswirken, wenn der Schmerz und die Trauer alles in Frage stellen, vor allem auch die eigene spirituelle Heimat, die man bisher hatte, den Gott an den man geglaubt hatte. Nichts ist mehr, wie es war. Das Vertraute wird unvertraut. Das Geheimnis will neu ausgelotet werden.
Wer mit dieser eigenen Trauer konfrontiert wird, würde ich raten, sie entweder zuzulassen, sie schreibend, oder jemanden erzählend verarbeiten, oder für wen dieser Weg jetzt nicht möglich ist, für Beschäftigung und guten Tagesrhythmus sorgen. Wenn möglich, sich auch begleiten lassen.

Ich lebe alleine und würde nun gerne zu meditieren beginnen, worauf hab ich zu achten?

Ich finde es schön, dass Sie in dieser Zeit Gebet und Meditation für sich entdecken. Das kann noch einmal auf einer tieferen Ebene das „Wir“ und die Erfahrung von Verbundenheit trotz des Alleinseins fördern. Aber gerade wenn Menschen alleine leben und vielleicht vorher mehr an sozialen Kontakten gewöhnt waren, sind aus meiner Sicht mehrere Bedingungen notwendig: grundsätzlich für Austausch mit einer vertrauten Person sorgen; hinsichtlich der Meditation: Ja, es stimmt es gibt viele Impulse und Anweisungen, wie damit zu beginnen ist. Bitte auf folgendes achten:
Sich nicht zu lange der Stille und Beobachtung des eigenen Atems auszusetzen, ich würde meinen max 1o Minuten, besser: in der Natur meditieren, oder ein Bild;
man lernt grundsätzlich mit anderen zu meditieren, nachdem eine Gemeinschaft mit einer Begleitung nicht möglich ist, ist es dennoch wichtig zumindest für eine/n Geistlichen Begleiter_in zu sorgen, der kann auftretende Phänomene in dieser Stille-Zeit gut mit Ihnen gemeinsam einordnen – das geht auch per Mail/Telefon etc. Denn der „Geist“ hüpft anfangs gerne herum und es tauchen unterschiedliche eigene Anteile an, die besprochen werden wollen.
Zusammengefasst: max 10 Minuten Atemmeditation und für erfahrene Geistliche/Spirituelle Begleitung sorgen – bevor man mit der Meditation beginnt.
Ein Angebot von P. Sascha Heinze SAC vom Haus der Stille in der Steiermark
Online Meditation – konkretes Angebot
Meditation ist Übung. Übung des Daseins, des, in der Gegenwart seins, des, zu sich und zu Gott Findens. Wie jede Übung braucht auch die Meditation feste Zeiten und Rituale die meinen Weg in die Stille begleiten. Hilfreich ist es auch einem Impuls zu folgen. Bei dem gemeinsamen Onlineangebot geht es um ein Angebot, begleitet Meditation im Alltag zu üben. Das Angebot erstreckt sich über die Dauer von max. 5 Wochen. Die Impulse und Rückmeldungen werden über E-Mail kommuniziert. Das Erstgespräch erfolgt telefonisch.
Kontakt: sascha@haus-der-stille.at


Erfahrungen von Verbundenheit – ist das auch Spiritualität?

Ein Mann schreibt mir, er habe jemanden getroffen, der keine religiöse Praxis verfolgt, und dennoch von einer Erfahrung berichtet, die er selbst als spirituell ausweist. Der Fragesteller will wissen, ob es das nun öfters gibt.
Zunächst eine schnelle Antwort: JA un JA. Erfahrungen von Verbundenheit, der Liebe und Hingabe können plötzlich und überall auftreten. Ich wage sogar zu behaupten, es ist ein all-menschliches Phänomen. Ich kenne Menschen, die das Gefühl beim Warten auf eine grüne Ampel ereilt hat, oder auf einer Parkbank beim Beobachten von Enten etc. aber auch in der Mediation, im Gebet. Manche nennen diese Erfahrung spirituell, weil sie übersteigend ist, über sich hinausweist, plötzlich etc gekommen ist.
Häufig sind diese Erfahrungen vorübergehender Natur und die Frage ist, wie wirken sie sich dann real aus. Manche erinnern sich zurück und haben keinen tiefgreifenden Wandel hervorgerufen, bei manch anderen Menschen schon. Es zeigt sich oft in einem veränderten Lebensstil, anderen Fragen und Werten. Ich würde meinen, ja solche Erfahrungen sind spiritueller Natur.

Gibt`s sowas wie christliche Achtsamkeit?

Der Begriff „Achtsamkeit“ ist gegenwärtig. Achtsamkeit im Buddhismus hat den Weg in den Westen gefunden, und hat Eingang gefunden in Konzepte der Beratung, Therapie, Pädagogik etc. Nachdem ich mich intensiver mit dem Thema „Achtsamkeit“ im Gebet auseinander gesetzt habe und mich auch in die christliche Gebetstradition mit dieser Fragestellung vertieft habe, sage ich: Ja. Meiner Meinung nach allerdings mit besonderen Noten und Schattierungen:
Achtsamkeit als Wahrnehmen der eigenen inneren Regungen im Gebetsverlauf.
– Christlich verstandene Achtsamkeit wurzelt im biblischen Begriff der ‚Wachsamkeit‘ als achtsames Hören und Schauen der Gegenwart Gottes in jedem Augenblick.
– Achtsamkeit als gelenkte Aufmerksamkeit, ganz beim Text / in der Stille / in der Ausrichtung auf Gott hin zu bleiben.
– Achtsamkeit als wahrnehmendes Verkosten der Schriftworte und seiner Wirkung in der Tiefe menschlichen Seins. Achtsamkeit als Wahrnehmung des Fremden, das im biblischen Texten und im formulierten Gebet gegenübertritt.
– Achtsamkeit als eine auf Gott und Menschen hin geöffnete Haltung, die sich in der Gestaltung des Alltags und im Engagement zeigt.

Ich habe fünf Dimensionen eines christlich-achtsamen Gebetsverständnisses herauskristallisiert:

  • Lenkung der Aufmerksamkeit: Christliche Achtsamkeit heißt, dass die Aufmerksamkeit bewusst auf Gott ausgerichtet bleibt.
  • Bewusstwerdung der Gegenwart Gottes in jedem Augenblick: Christliche Achtsamkeit bedeutet, dass die Wahrnehmung der Gegenwart zu einer tieferen Wahrnehmung Gottes in der Welt führt und sich doch eingebunden weiß in die Zeitkategorien von Vergangenheit und Zukunft – in eine Geschichte Gottes mit den Menschen. Aus der Gewissheit der Treue und Liebe Gottes zu seiner Schöpfung spricht sich der Mensch vor Gott aus.
  • Eigene Erfahrungen werden in der Tradition der jüdisch-christlichen Heilsgeschichte gedeutet: Die Gebetserfahrungen werden in einem bestimmten Rahmen in der Gegenwart gedeutet, d.h. sie werden im Lichte Gottes zugänglich und der Mensch kommt mehr und mehr seiner Berufung durch Gott näher.
  • Schärfung eines inneren Beobachters: Achtsamkeit heißt, dass der Mensch in sich eine Instanz der Selbstdistanzierung entwickelt, die aufmerksam ist, wenn der Betende nicht in der Ausrichtung auf Gott bleibt.
  • Steigerung der Liebesfähigkeit: Achtsamkeit heißt, dass der Mensch sich selbst und anderen gegenüber liebesfähiger und offen ist, da er in sich, in anderen und der Welt Gott entdeckt. Christliche Achtsamkeit hat eine starke diakonische Dimension und bewährt sich auch dort – oder auch nicht…

Christliche Achtsamkeit bedeutet meiner Meinung nach daher:
Wahrnehmung: Achtsamkeit im christlichen Verständnis heißt die Gegenwart Gottes wahrnehmen und zugleich sich der Heilstaten Gottes erinnern. Der/die Beter_in bleibt auf Gott hin ausgerichtet und ist aufmerksam für Ablenkungen, Gedanken und Störungen, die von der Wahrnehmung ablenken. Impulse und Handlungen werden beobachtet. Diese Ausrichtung führt zur Schau Gottes.
Hören: Die Wahrnehmung auf Gottes Gegenwart vertieft das „Hören“ auf Gottes Wort – es fördert die Begegnung mit Gott.
Erfahren: Es ist kein primär diskursives Denken über Gott, sondern ein Weg mit Gott, der zunächst erfahren wird. Der Schwerpunkt liegt eindeutig auf der Praxis des Erfahrens, wovon die mystische Tradition zeugt.
Üben: Christliche Achtsamkeit kennt viele Formen und Weisen, um diese Achtsamkeit in unterschiedlichen Ausprägungen im Gebet zu üben. Es bedeutet ein schrittweises Einüben mit dem Ziel der Kontemplation.
Lieben: Eine verfeinerte Wahrnehmung Gottes im Anderen und in der Welt führt zu einer Steigerung des Gefühls der Verbundenheit und zu einem Handeln, das sich von christlich verstandener Liebe auszeichnet.

Ich bin auf der Suche nach einem sehr einfachen Buch über christliche Spiritualität, das verständlich ist für Laien und eine gute Einführung in dieses Thema bietet

Es sollen Bücher sein, für Laien verständlich, eine allgemeine Einführung bieten und auch was für die eigene Seele sein… Ganz so einfach ist die Frage nicht und ich beschränke mich auf ein paar Bücher und entschuldige mich, dass ich a) bestimmt ganz andere wichtige Bücher übersehen habe b) ich einen Schwerpunkt auf die mir vertrauten spirituellen Wege habe hier jesuitisch und benediktinisch c) auswählen einfach schwer ist.
Dennoch hier mein unvollständiger Versuch: Ein älteres, bewährtes Buch (Auflage 1991 und 2000) ist bestimmt jenes von Willi Lambert: Aus Liebe zur Wirklichkeit. Grundworte ignatianischer Spiritualität. Dieses knapp 200 Seiten Buch gibt eine kurze und prägnante Einführung in ignatianische Spiritualität. Neben Texten zum Innehalten, gibt es eine Reihe von Impulsen für die eigene spirituelle Praxis.
Vom selben Autor empfehle ich das Mini-Büchlein (67 Seiten) Gebet der liebenden Aufmerksamkeit, das hilft, Geschmack zu bekommen„… im Licht Gottes liebend und aufmerksam auf das eigene Leben zu schauen. Dieses Schauen kann unser Leben verwandeln“ (15).
David Steindl-Rast bietet in seinem Buch die „Achtsamkeit des Herzens“ eine wunderbare Einführung in die christliche Spiritualität und den „Wert“ von Ritualen, Augenblick, der Stille.
Anselm Grün, Die Quellen der Spiritualität, in einem schmalen Büchlein weist er den Weg in die christliche Tradition des Gebets und gibt dabei viele Impulse zum Nachdenken.
Ein von Johannes Kaup moderiertes Gespräch zwischen David-Steindl Rast und Anselm Grün Kaup über Spiritualität ist im Buch „Das glauben wir. Spiritualität für unsere Zeit“ erschienen und gemeinsam leuchten sie Höhen und Tiefen christlicher Spiritualität aus benediktinischer Perspektive aus.
Betram Dickerhof, ebenfalls Jesuit, hat eine Christliche Lebensschule Ashram Jesu gegründet, und ist selbst auch Lehrer für Vipassana-Meditation. In seinem Buch „Der spirituelle Weg. Eine christlich-interreligiöse Lebensschule“ ist sicherlich für jene Menschen eine gute Einführung, die sich mit fernöstlichen Wegen beschäftigen.
Empfehlenswert ist auch das Buch von Gisbert Greshake  … wie man in der Welt leben soll: Grundfragen christlicher Spiritualität. Dabei wird ausgelotet, wie Christ_innen hier in der Welt leben. Oder man nähert sich einzelnen Autor_innen, wie: Annette Schleinzer: Madeleine Delbrêl – Prophetin einer Kirche im Aufbruch: Impulse für Realisten. Viele Autor_innen habe ich nicht erwähnt, die hier auch zu nennen sind und es einige empfehlenswerte Literatur gibt: Sr. Aurelia Spendel, Andrea Schwarz, Katharina Ceming etc.

Darf ich als Christ_in Yoga üben?

Eigentlich dachte ich, dass durch das II. Vatikanische Konzil die skeptische Frage nach der Annäherung an Traditionen anderer Religionen, hier des Hinduismus, und durch viele Christ_innen, darunter auch Priester und Ordensleute, die Yoga praktizieren, eigentlich grundsätzlich beantwortet worden sei. Dies scheint nicht der Fall zu sein. Da und dort gibt es immer noch vehemente Stimmen, die Menschen von Yoga abraten, ja wenn nicht sogar diese Praxis verurteilen. Anhand kirchlicher Lehrdokumente und aus meiner eigenen Erfahrung möchte ich einen Antwortversuch wagen:
Zunächst hat das Zweite Vatikanische Konzil in der Erklärung Nostra aetate, Nr. 2 über den Hinduismus folgendes geschrieben: „So erforschen im Hinduismus die Menschen das göttliche Geheimnis und bringen es in einem unerschöpflichen Reichtum von Mythen und in tiefdringenden philosophischen Versuchen zum Ausdruck und suchen durch aszetische Lebensformen oder tiefe Meditation oder liebend-vertrauende Zuflucht zu Gott Befreiung von der Enge und Beschränktheit unserer Lage.“ Ich denke, dieser Satz ist schon ziemlich klar und mit folgender Haltung soll auf andere Religionen geblickt werden: „Die katholische Kirche lehnt nichts von alledem ab, was in diesen Religionen wahr und heilig ist. Mit aufrichtigem Ernst betrachtet sie jene Handlungs- und Lebensweisen, jene Vorschriften und Lehren, die zwar in manchem von dem abweichen, was sie selber für wahr hält und lehrt, doch nicht selten einen Strahl jener Wahrheit erkennen lassen, die alle Menschen erleuchtet“.
Die Kirche mahnt zu einer Haltung der Offenheit, Neugier und des Lernens von anderen Wegen und Praktiken, freilich soll eine Integration einer Praxis wie Yoga nicht unkritisch erfolgen, so steht in einem anderen Dokument, das bereits 1989 (!) verabschiedet worden ist, und scheinbar von manchen in der Argumentation gegen Yoga für Christ_innen herangezogen wird: „Man kann im Gegenteil daraus das Nützliche aufgreifen, wenn man dabei nicht die christliche Auffassung vom Gebet, seine Logik und seine Erfordernisse übersieht, denn innerhalb dieses Ganzen müssen jene Fragmente neu umschrieben und aufgenommen werden“, aus: Kongregation für die Glaubenslehre: Schreiben an die Bischöfe der Katholischen Kirche Über einige Aspekte der christlichen Meditation. Das Dokument warnt bei einer nicht sorgfältigen Integration in ein christliches Glaubensleben, dass es zu einem Körperkult kommen könne und dass Erfahrungen nicht gleich mit geistlichen Erfahrungen gleichzusetzen sind, „[e]inige physische Übungen erzeugen automatisch das Gefühl der Ruhe und Entspannung, Gefühle der Befriedigung, vielleicht sogar Empfindungen von Licht und Wärme, die einem geistlichen Wohlbefinden gleichen. Sie aber als echte Tröstungen des Heiligen Geistes anzusehen, wäre eine gänzlich falsche Art, sich den geistlichen Weg vorzustellen. […] Das hebt freilich die Tatsache nicht auf, dass echte Praktiken der Meditation, die aus dem christlichen Osten und aus den nichtchristlichen Hochreligionen stammen und auf den gespaltenen und orientierungslosen Menschen von heute Anziehungskraft ausüben, ein geeignetes Hilfsmittel für den Betenden darstellen können, sogar mitten im äußeren Trubel innerlich entspannt vor Gott zu stehen“. Meines Erachtens gilt diese kritische Reflexion bei allen Zugängen und Wegen und ist auch ratsam eine katholische Gebetspraxis dahingehend zu befragen, weil alle Wege Schieflagen haben können.
Aus meiner persönlichen Erfahrung und Begleittätigkeit kann ich sagen, dass sehr viele Menschen Yoga in ihre Gebetspraxis auf heilsame Weise aufgenommen haben. Die Übungen helfen, bei sich selbst anzukommen, sich selbst im eigenen Gewordensein wahrzunehmen, ja anzunehmen und offen zu werden für die Berufung durch Gott.
Bei den verschiedenen Anbietern am Markt rate ich, sorgfältig auszuwählen: Wie viel an Ge- und Verboten werden mitgeliefert? Kommt es zu Missionierungsbestrebungen? Geht es ausschließlich um Yoga als Übung? Welche Ausbildungen haben die Yoga Lehrenden? Etc.
Und wenn die Einordung der Praxis in das christliche Gebetsleben nicht so klappt, oder die gewonnen Erkenntnisse gut angeschaut werden wollen, ist sicherlich eine Begleitung durch eine/n Geistlichen Begleiter_in ratsam.
Wie sinnvoll Yoga ist, oder überhaupt die verschiedenen Zugängen/Methoden etc. die Beziehung zu Gott stärkt, zeigt, wenn man es versucht. Nichts ist per se verwerflich, nichts ist per se hilfreich und gut; so sind die Früchte des Geistes bei Paulus im Neuen Testament (Gal 5) vielleicht eine gute Richtschnur. So denke ich, dass abschließend folgende Fragen ganz nützlich sein können: Hilft mir Yoga in der Ausrichtung auf Gott im Gebet zu sein? Fördert es Mitgefühl, Freundlichkeit, Güte und Liebe?
Und alle, die Yoga abwerten können sich auch die Frage stellen, was steckt hinter meiner Ablehnung?

Frage, ob ich etwas zum Thema Spiritualität und soziale Arbeit schreiben könnte

In meiner Begleittätigkeit habe ich oft wahrgenommen, dass Soziales und Spiritualität als Gegensatz erscheinen. Um es karikierend zu veranschaulichen: Die einen kümmern sich hingebungsvoll um den Mitmenschen oder die Schöpfung, die anderen sitzen auf ihrem Meditationskissen oder lesen in der Bibel. Wechselseitiges Unverständnis konnte ich auch öfters beobachten.
Die Stille und das Gebet haben bei Jesus einen wichtigen Stellenwert vgl. Lk 5,16. Immer wieder wird berichtet, dass er die Menschenmenge verließ, um zu beten. Gleichzeitig spricht das Evangelium eine sehr deutliche Sprache in Richtung Nächstenliebe vgl. Markus 12:
Welches Gebot ist das erste von allen? 29 Jesus antwortete: Das erste ist: Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der einzige Herr. 30 Darum sollst du den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit deinem ganzen Denken und mit deiner ganzen Kraft. 31 Als zweites kommt hinzu: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Kein anderes Gebot ist größer als diese beiden. 32 Da sagte der Schriftgelehrte zu ihm: Sehr gut, Meister! Ganz richtig hast du gesagt: Er allein ist der Herr und es gibt keinen anderen außer ihm 33 und ihn mit ganzem Herzen, ganzem Verstand und ganzer Kraft zu lieben und den Nächsten zu lieben wie sich selbst, ist weit mehr als alle Brandopfer und anderen Opfer.
Und die Gerichtsrede bei Matthäus 25 ist sehr klar: Wem hast du zu essen, trinken gegeben, wen hast du besucht etc., das ist letztlich relevant.
Die konkrete soziale Arbeit ermöglicht sich selbst im Gegenüber zu entdecken und dadurch sich zu übersteigen. Das Gebet ermöglicht eine Begegnung mit dem größeren Geheimnis und dadurch über sich selbst hinaus zu reifen. In der Tradition wurden immer beide Pole gesehen: Konkretes Tun und Gebet. Beide gehören zusammen und öffnen den Weg zum Mehr an Verbundenheit, ja Beziehung.
Ich persönlich finde es wichtig, zunächst anzuerkennen, welchen Schwerpunkt man selbst hat. Gehört man eher zu den Tun-Menschen oder hat man eine Vorliebe für die Stille ?
Gleichzeitig mache ich auch diese Erfahrung: Wie oft habe ich mich in Stille-Zeiten nach Mitmenschen gesehnt, um für diese konkret da zu sein und wie oft habe ich mich bei für mich vielleicht anstrengenden Mitmenschen nach Stille im Gebet gesehnt. Sowohl die Stille als auch das konkrete Sein mit Menschen können herausfordern, denn sie konfrontieren mich mit mir selber. Beide Wege wollen m.E. mich menschlicher werden lassen. Ich selbst rate daher, stets die eigene Vorliebe um den anderen Schwerpunkt zu ergänzen, um ganz mit der Welt und gleichzeitig mit dem größeren Geheimnis verbunden zu sein. Und ja, Spiritualität und Soziales sind beides Wege, um über sich hinaus zu wachsen und kann für die Erfahrung eines „es gibt im Leben mehr“ öffnen.

Ist es nicht sinnvoller Passagen in der Heiligen Schrift, die einen „strafenden Gott“ verkünden, zu streichen?

Die Heilige Schrift ist uns seit Generationen überliefert. Mit all den Texten, ihren Bildern von Gott mutet sie sich stets neu jeder Generation zu. So war in vergangenen Jahrhunderten zum Beispiel das Hohelied der Liebe anstößig und man wollte es auf keinen Fall mehr in der Heiligen Schrift verankert haben, zu anderen Zeiten war es so beliebt und hat Menschen auf ihrem geistlichen Weg genährt. So wurden Schriften und einzelne Textpassagen immer wieder in Frage gestellt und ehrlich gesagt, ich bin sehr froh darüber, dass die Heilige Schrift als Ganzes vorliegt und nicht jede Generation ein Stückchen entfernt oder auch hinzugefügt hat. So bleibt sie auch weiterhin anstößig und eckig und kantig… Und ja, mit den Passagen, die vom strafenden Gott habe ich auch so meine Schwierigkeiten. Ich weiß, wie sie einzuordnen sind, als Kampf der unterschiedlichen Mächte, die zum Aufstieg des Volkes beitragen; als Kampf der Götter, wonach JHWH gegen die Todesmächte kämpft und sich als Gott des Lebens und der Befreiung erweist. Zum Glück lassen sich viele biblischen Kriegsschauplätze historisch nicht beweisen, sondern in Bildern wird geschildert: Der Gott Israel führt zum Leben! Dies wurde martialisch ausgedrückt und ja, Opfer kamen nicht in den Blick, da das Volk selbst Opfer von Unterdrückung und herrschaftlicher Macht war. Mit diesem Wissen lese ich diese Passagen anders. Jemand, der unterdrückt ist, wünscht er sich nicht, dass seine „Feinde“ untergehen – mit Pauken und Trompeten? Auch im Inneren gibt es manchmal die unterschiedlichen Stimmen und man ist herausgefordert, die Stimme des Lebens zu identifizieren. So denke ich, ja, diese Passagen machen Sinn. Sie sprechen aus, was im Innen und Außen an potentieller Gewalt möglich ist und weisen doch hin, letztlich dürfen wir Gott vertrauen, dass das Leben siegt. Das gibt Hoffnung und lädt zum Verzicht auf Gewalt ein.

Ist es nicht einfacher Spiritualität ohne Kirche zu leben?

Ob es einfacher ist, die eigene Spiritualität ohne religiöse Gemeinschaft zu gestalten, kann ich nicht sagen, da ich innerhalb dieser spirituell-sein kennen gelernt habe. Ich habe durch Menschen, die ihr Christ-Sein in der Kirche leben, einen vielfältigen Schatz religiöser Rituale, Gebete und Traditionen geschenkt erhalten, die mir auf meine religiösen Erfahrungen Antwortversuche gegeben und sie dadurch auch geordnet haben. Die Generationen vor mir, die religiöse Erfahrungen nieder geschrieben haben, verleihen meinen Erlebnissen eine vielfältige Sprache und zugleich Impulse zum Weiterdenken, ja auch kritische Anfragen an mich. Ich denke an die Heilige Schrift, an mystische Schriften, Ordensgründer etc. und Menschen, die jetzt Spiritualität leben. Was mir im Nachdenken einfällt, ich habe innerhalb der Kirche eine ziemlich große Bandbreite an spiritueller Ausdrucksweise, Praxis, an Traditionen, Gebeten, Ritualen etc kennen gelernt. Nicht alle konnte ich für mich entdecken, manchen Praxen stehe ich eher skeptisch gegenüber und doch bin ich froh über diese verschiedenen Zugänge, weil sie mich anfragen und davor schützen nur einen Weg zu sehen und zu verabsolutieren.
Es gibt viele Möglichkeiten und Wege seine Spiritualität zu leben – auch ohne religiöse Institution. Ob es einfacher ist? Da wird die Antwort je nachdem anders ausfallen. Wichtig erscheint mir, wie auch immer der Zugang zur Spiritualität erfolgt, dass insgesamt ein Mehr an Lebendigkeit, Mitgefühl und Güte spürbar wird.

Ich bete schon sehr lange. Immer mehr spüre ich in mir eine Sehnsucht nach mehr Stille und Tiefe, wie kann ich dieser folgen?

Ich bin immer wieder erstaunt, mitzuerleben, wie sehr das Bedürfnis nach Stille nach oftmals jahrelanger Gebetspraxis wächst. Es kann sogar sein, dass überall ein zuviel an Worten wahrgenommen wird, selbst Lieblingsgebete und noch so schöne Gottesdienste werden als schal empfunden. Dann ist es gut, diesem Bedürfnis nach mehr Stille Raum zu geben. Manchmal kann es hilfreich sein, sich auf dem Weg in die Stille begleiten zu lassen, entweder durch erfahrene und ausgebildete Geistliche Begleiter_innen oder auch mit einem Einführungskurs in die christliche Meditation. Bildungshäuser, Klöster, Pfarren (z.B. Exerzitien im Alltag) bieten hier unterschiedliche Wege. Wer auf all das lieber verzichtet, sondern einfach selber versuchen will, dem kann ich drei Möglichkeiten empfehlen:
Wahrnehmung der Natur: Nehmen Sie sich täglich Zeit, um die Natur wahrzunehmen und zwar mit allen Sinnen und vor allem langsam! Entdecken Sie, was es zu hören, zu riechen, zu sehen, vielleicht sogar zu schmecken gibt! Lassen Sie sich Zeit, das Entdeckte zu verkosten und in sich aufzunehmen.
Wahrnehmung des Atems: Wenn Sie bereits das Gebet in Ihrem Alltag integriert haben d.h. vielleicht einen konkreten Ort und eine festgelegte Zeit haben, dann überprüfen Sie, ob beides noch stimmig ist oder ob Sie etwas verändern möchten. Meiner Erfahrung nach wird der Ort meist „einfacher“ in der Gestaltung. Die Zeit bleibt häufig gleich, wenn sich sonst der Alltag nicht wesentlich ändert.
Beginnen Sie, wie Sie sich immer zum Gebet vorbereiten, und nehmen Sie Ihren Atem wahr, wie er ein- und ausströmt. Der Atem, das Lebendige in uns, verbindet uns mit „dem Lebendigen“ und führt uns immer mehr in die Stille und Tiefe. Das Horchen auf das, was sich in der Stille zeigt, wird den weiteren Weg weisen. Am Beginn sind fünf Minuten Wahrnehmung des Atems schon viel, Sie können die Betrachtung des Atems dann auch steigern. Beenden Sie diese Stille-Zeit mit einem Wort, einem Bild, einem Satz und bringen Sie all das vor Gott.
Ein Wort der Heiligen Schrift meditieren: Es gibt Worte in der Heiligen Schrift, die aufbauen, die paradox sind, aber auch solche, die verstören können. Eine Möglichkeit ist, sich einem Wort/ Vers zu widmen. Wenn jemand unschlüssig ist, empfehle ich eines der „Ich-bin-Worte“ aus dem Johannesevangelium zu wählen (zu den Ich-Bin-Worten: http://www.kath.ruhr-uni-bochum.de/imperia/md/content/nt/nt/dasjohannesevangelium/p-ich-bin.pdf ) und längere Zeit daran zu „kauen“. Das bedeutet, ruhig zu werden, sich auf Gott auszurichten, den Atem wahrzunehmen, auf die Stille zu hören und sich im Inneren des „Ich-bin-Wortes“ immer wieder zu vergewissern.
Wichtig ist, Unterschiede wahrzunehmen, darauf zu achten, wohin es zieht, mit welchen Geschmäckern man aus der Gebetszeit entlassen wird.

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